Der Nachwuchs in der zeitgenössischen Kunst Deutschlands


Zwei Beispiele: Michael Triegel und Matthias Lermann

von Hermann Reidel

 

In einem Beitrag in der ACADEMIA 6 / 2003 äußerte Norbert Stahl Bedenken zur Biennale moderner Kunst in Venedig. „Modern" sollte man mit zeitgenössisch ersetzen, denn was bedeutet eigentlich modern?

Stahl berichtete damals über die Mammutschau, die manche empörte und als eine Art Müllhalde oder Schrottplatz bezeichneten. Dass man aus Müll und Schrott „Kunst" machen kann, haben frühere Ausstellungen längst bewiesen, wie auch die „documenta" in Kassel. Oft ist das gebotene Niveau sehr qualitätsarm oder auch „schlichtweg lächerlich", wie Stahl betonte. Er zitierte Papst Johannes Paul II., der der zeitgenössischen Kunst durchaus einen spirituellen transzendentalen Charakter zubilligte. Der Papst erwartete von der Kunst der Moderne, wie er in einem Brief an die Künstler der Welt schrieb, „eine Art Brücke zu religiösen Erfahrungen".

Am Beispiel zweier jüngerer Künstler soll versucht werden, das Spektrum unserer heutigen zeitgenössischen Kunst zu beleuchten. Zwei Nachwuchsmaler aus Ost und West sollen vorgesteut werden:

Michael Triegel aus Leipzig (geb. 1968) und Matthias Lermann (geb. 1969) aus Würzburg sind zwei fast gleichaltrige Maler, die das breite Spektrum der zeitgenössischen Kunst beispielhaft verkörpern; Michael Triegel, der an den großen Meistern geschulte, Matthias Lermann, verschiedenen Strömungen des späten 20. und 21. Jahrhunderts verbundene.

Der in Erfurt geborene Michael Triegel arbeitete zunächst als Schrift und Grafikmaler, bevor er nach einer Italienreise 1990 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig Malerei und Grafik bei den Professoren Dietrich Burger und Arno Rink studierte. 1995 schloss er sein Studium mit dem Diplom ab und trat als Landesstipendiat ein Meisterschülerstudium bei Prof. Ulrich Hachulla an. Durch die intensive Förderung seiner Lehrer erreichte Michael Triegel einen so hohen Qualitätsstand seiner Gemälde und Grafiken, dass er Auszeichnungen und bereits 1997 die erste Einzelausstellung in den. USA, in der Worthington Gallery in Chicago bestreiten konnte. Im Jahr 2000 bekam Triegel einen großen Auftrag von der Stadt Plochingen am Neckar . Er malte das Wandbild „Allegorie der guten Regierung" im Sitzungssaal des historischen Rathauses.

Durch die Vermittlung des Malers Werner Tübke erhielt der Künstler seinen ersten kirchlichen Auftrag in der Neugestaltung der Predella für den spätgotischen Schnitzaltar in der Kapelle zu Langreder bei Hannover. Ein Nachfolgeauftrag wurde ihm durch die evangelische Kirchengemeinde von Grave im Weserbergland anvertraut, den der Maler 2006 vollendete.

Im gleichen Jahr gewann Michael Triegel einen Wettbewerb für die Neugestaltung eines abgebrannten Seitenaltarretabels in der Stadtpfarrkirche im unterfränkischen Ebern.

Michael Triegel gehört zur jungen Leipziger Künstlertradition, die aus den Werken

Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer, Willi Sitte und Werner Tübke inspiriert und beeinflusst wurde. Michael Triegel hat in seinem Werk christliche Themata aufgegriffen und die christliche Ikonographie weiterentwickelt. Für ihn ist die Beschäftigung mit Themen christlicher Glaubensinhalte eine Herausforderung, die er mit der ihm eigenen Intelligenz und Bildung zu wahren Meisterwerken sowohl inhaltlich als auch malerisch verarbeitet. Seine Anlehnung an die italienische Renaissance zeigt das außerordentliche Niveau seiner Kunstfertigkeit.

Der Maler und Grafiker Matthias Lermann, 1969 in Aschaffenburg, aus einer alten Marktheidenfelder Familie abstammend, gehört zu einer Künstlergilde, die sich der postmodernen Abstraktion verschrieben hat. Lermann ist Schüler der Würzburger Malerin Susanne Jost und beschäftigt sich seit 1989 in intensiver künstlerischer Arbeit als Maler und Grafiker in Würzburg. In den vergangenen Jahren unternahm der Künstler zahlreiche Studienreisen und Studienaufenthalte im In und Ausland. Einzelausstellungen gab es 1998 im Schloss Zeilitzheim zum Thema „Von der Traurigkeit Goethes" und 2005 im Würzburger Theater Chambinzky mit neueren Arbeiten. An einer viel beachteten Wanderausstellung mit dem Titel „Überstieg 12 x 1 = unendlich" der Deutschen Bischofskonferenz in den Jahren 2006/2007 nahm Matthias Lermann mit elf weiteren Künstlern teil.

Seine Bilder beschreiben die Welt, so könnte man die Inhalte und Themen zusammenfassen. Lermann beschreibt den Lauf der Zeit in farbigen grafischen Blättern mit Mischtechnik oder in Leinwandbildern mit kräftigen Farben. Auf weißem Malgrund werden geometrische Formen aufgetragen, die neben dem weißen Malgrund das Auge anziehen. So entstehen höchst unkonventionelle „ungegenständliche" Portraits wie das des Fürstbischofs Melchior Zobel von Giebelstadt oder des kgl. Gerichtsarztes Dr. Willibald Sedelbauer.

Lermanns Landschaftsbilder bestehen oft aus nur wenigen Farblinien wie die „Landschaft bei Hering", die eine bräunliche durchbrochene Linie zeigt. Am Durchbruch, entdeckt man zwei Ähren, die sich berühren und nach oben strecken. Die beredten Bildtitel Lermanns suggerieren ein narratives Programm, das aber durch die totale Abstraktion der Bilder ad absurdum geführt wird. Sein weißer Bildhintergrund vergleichbar dem Goldgrund der orthodoxen Ikonen sprengt die bloße Materialität und wird zur TranszendenzMetapher.

Zwei fast gleichaltrige Maler — so gegensätzlich wie nur möglich.

Der Realist Michael Triegel mit seiner subtilen Ikonographie und der ungegenständliche Maler Matthias Lermann, der in seinen Arbeiten das „innere Sehen", seine innere Sicht der Dinge wiedergibt, sind Exponenten unserer zeitgenössischen Kunstszene, die in der Tradition eines Raffaels oder Paul Klees unsere Zukunft gestalten. Der Beschäftigung mit der Kunst unserer Zeit muss ein hoher Stellenwert eingeräumt werden und die Zeitgenossen befähigen, schlechte Qualität von guter zu unterscheiden. Ein hohes Niveau muss stets im Vordergrund stehen.

 

Aus: Academia;